Von der Kahlschlagfabrik zum Ökosystem — eine Spurensuche
Von Dr. Walther J. Fuchs
Der folgende Text ist die erweiterte Fassung eines Inputreferats, das am 4. Mai 2026 an der Generalversammlung des Waldverbands Küsnacht–Erlenbach im Forsthaus Küsnacht gehalten wurde. Er stützt sich auf forstgeschichtliche Quellen, darunter Arbeiten von Karl Bischofberger, auf Archivalien der Holzkorporationen sowie auf historisches Kartenmaterial.
Stellen Sie sich vor, Sie stehen mitten im Wald der Gemeinden Küsnacht und Erlenbach. Die Luft ist kühl, Sie riechen feuchtes Moos, über Ihnen ragen gewaltige alte Bäume in den Himmel. Es wirkt alles so ursprünglich — als wäre dieser Wald schon immer dagewesen. Zeitlos und unerschütterlich.
Was wäre, wenn ich Ihnen sage, dass genau dieser Wald vor rund 350 Jahren in dieser Form fast gar nicht existiert hat? Und dass diese dichten Baumkronen das direkte Resultat der schlimmsten Pandemie der Menschheitsgeschichte sind?
Genau das möchte ich Ihnen zeigen — gestützt nicht auf Legenden, sondern auf alte Flurkarten, Rechnungsbücher der Holzkorporationen, historische Fotografien und Betriebsaufzeichnungen der Forstwirtschaft. Harte Fakten, die uns zwingen, unsere romantische Vorstellung von Natur über Bord zu werfen.
Gerade in der Schweiz geht man oft davon aus, der Wald sei ein herrenloses Stück Freiheit. Das Gesetz schreibt vor, dass er für jeden zugänglich sein muss — man sieht keine Zäune, man zahlt keinen Eintritt. Das vermittelt das trügerische Gefühl einer ewigen Wildnis. Dabei hat jedes Stückchen Erde dort einen glasklaren Besitzer: die Gemeinde, Privatpersonen oder die alteingesessenen Korporationen.
Totale Rodung im Sektor Palmenrain, Dezember 1914. Foto: Holzkorporation Küsnacht
Die Gemeinde Küsnacht hat eine Fläche von 1236 Hektaren. Davon sind 374 Hektaren Wald — rund dreissig Prozent. Wenn man intuitiv herangeht, würde man annehmen: Früher, bevor wir alles asphaltiert haben, muss es doch mehr Wald gegeben haben. Und das ist direkt der erste grosse Irrtum.
Gygerkarte 1667, Ausschnitt Gebiet Küsnacht. Hans Conrad Gyger (1599–1674)
Die Quellen verweisen auf die berühmte Gygerkarte von 1667. Hans Conrad Gyger hat 38 Jahre an diesem Meisterwerk gearbeitet — im Massstab 1:32'000, mit einer Präzision, die erst die Wild-Karte von Johannes Wild (1852–1865, Massstab 1:25'000) übertraf. In einer Zeit, in der das Überleben von der Landwirtschaft abhing, war jeder Quadratmeter steuerlich relevant. Gyger, der auch militärische Quartierkarten für den Zürcher Rat zeichnete, konnte es sich nicht leisten, einen Wald zu vergessen oder Flächen falsch zu deklarieren.
Wild-Karte 1865, Ausschnitt Gebiet Küsnacht. Johannes Wild (1814–1894)
Wenn man seine Aufzeichnungen mit der Wild-Karte vergleicht, wird der Unterschied schlagend sichtbar. Riesige Flächen — wie das Küsnachter Tobel, heute dicht bewaldet — lagen auf der Sonnenseite komplett frei. Man nutzte diese steilen Hänge für den Rebbau, weil man jeden Sonnenstrahl in Ertrag ummünzen musste.
Besonders eindrücklich sind zwei Panoramabilder von Johann Jakob Hofmann aus dem Jahr 1772. Er stand beim Nidelbad in Rüschlikon und zeichnete das gegenüberliegende Ufer — einmal auf Küsnacht, einmal auf Goldbach gerichtet. Wenn man sich heute an exakt dieselbe Stelle stellt und ein Foto macht, ist der Kontrast extrem: Wo Hofmann damals weite, kahle Flächen und bearbeitete Felder zeichnete, blicken wir heute auf tiefgrüne, bewaldete Hügelkuppen. Der Wald ist heute bedeutend grösser als noch vor 250 Jahren.
Links: Hofmann-Panorama 1772, Blick auf Küsnacht vom Nidelbad, Rüschlikon. Rechts: Dieselbe Sicht 2022. Foto: Letsch
Links: Hofmann-Panorama 1772, Blick auf Goldbach vom Nidelbad, Rüschlikon. Rechts: Dieselbe Sicht 2022. Foto: Letsch
Karten sind das eine. Aber die Sprache selbst archiviert die Landschaftsgeschichte. Flurnamen wie «Rüti» — gerodetes Land — oder «Ägerten» — laut dem Schweizerischen Idiotikon ein brachliegendes Feld, das wieder zu Wald wurde — verraten uns, was hier einst war. Die aufschlussreichsten Namen aber sind «Palmenrain» und «Rekolterbüel».
Wenn Bauern früher eine Fläche als Weide nutzten, frassen die Kühe schlicht alles ab — Gras, Laub, junge Baumtriebe, bei den Laubbäumen bis zur Fresskante hinauf. Kein neuer Baum konnte heranwachsen. Aber es gibt Pflanzen, die selbst die hungrigste Kuh verschmähte: Stechpalmen, im Volksmund «Palmen», und Wacholder, im Dialekt «Rekolter». Sie stacheln und enthalten ätherische Öle — die Kühe frassen fein säuberlich darum herum.
Wenn wir also heute mitten im dichten Wald auf den Flurnamen «Palmenrain» stossen, ist das ein eindeutiger historischer Befund: Hier war eine Kuhweide, auf der nur die ungeniessbaren Stechpalmen überlebten. Erst als die Bauern die Weide aufgaben, konnte der Wald über diese stacheligen Vorposten hinweg das Land zurückerobern. Der wählerische Magen einer Kuh verrät uns Jahrhunderte später, wie eine Art biologisches GPS, wo exakt die Baumgrenze verlief.
Wenn die Menschen jeden Quadratmeter für Kühe und Reben brauchten — warum hat der Wald sich dann wieder ausgebreitet? Der Mensch gibt freiwillig kein wertvolles Land auf. Und damit berühren wir eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte.
Zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert erlebte Europa eine enorme Bevölkerungsexpansion. Mehr Menschen brauchten mehr Essen — man rodete selbst auf steilen, unfruchtbaren Böden. Dann kollabierte das System: Zuerst die Hungersnöte von 1309 bis 1317, dann ab 1348 der Schwarze Tod. Die Bevölkerung schrumpfte um über ein Drittel — in manchen Regionen um die Hälfte. Es dauerte über 200 Jahre, bis die Verluste auch nur ansatzweise ausgeglichen waren.
Die direkte Folge war ein drastischer Arbeitskräftemangel. Es gab nicht mehr genug Hände, um die mühsam gerodeten steilen Flächen — wie an den Hängen des Küsnachter Tobels — zu bewirtschaften. Die Überlebenden zogen sich auf die besten Böden im Tal zurück. Die kargen Randgebiete wurden aufgegeben. Und ein Wald braucht keine Einladung: Wenn der Mensch aufhört, die Triebe herauszureissen oder sie von den Kühen fressen zu lassen, erobert die Natur das Land rasant zurück.
Viel später, ab 1886, half die Reblaus nach: Der winzige, aus Nordamerika eingeschleppte Schädling vernichtete über die folgenden Jahrzehnte weite Teile des Schweizer Rebbaus. Wo vorher Weinberge standen, lagen ungenutzte Wiesen — was den Druck auf den Wald abermals senkte.
Der Wald wuchs also, weil die Menschheit durch Seuchen und Schädlinge zum Rückzug gezwungen war. Aber irgendwann, im 19. und 20. Jahrhundert, hatte sich die Bevölkerung wieder erholt. Diese Menschen schauten auf den wunderschönen Wald — aber sie sahen darin keinen Ort für Sonntagsspaziergänge.
Wir befanden uns tief im sogenannten «hölzernen Zeitalter». Holz war das Fundament der Zivilisation: Man baute daraus Häuser, Werkzeuge und Brücken. Vor allem aber war es der einzige relevante Energielieferant. Ohne Holz blieb der Ofen im Winter kalt. Der Wald war eine riesige Batterie aus Holz. Dementsprechend wurde er bewirtschaftet.
Die Wälder gehörten zu grossen Teilen den Holzkorporationen. Und wie dort gearbeitet wurde, entbehrt jeder heutigen Vorstellung von Nachhaltigkeit. Die Mitglieder wurden per offizieller Postkarte — Kostenpunkt: 3 Rappen — zu Fronleistungen aufgeboten. Wer nicht erschien, zahlte 8 Franken Busse pro versäumtem Tag, damals ein empfindlicher Teil eines Monatslohns.
Die Arbeit war brutal. Man kannte keine selektive Forstwirtschaft, sondern Kahlschlag: Ein Sektor wurde bestimmt, und dort wurde alles geschlagen, bis kein einziger Baum mehr stand. Ein Foto vom 21. Januar 1918 zeigt 16 Männer der Holzkorporation Goldbach — in Anzügen und mit Hüten, sichtlich stolz vor einer frisch gefällten Buche, über 100 Jahre alt und 8,15 Kubikmeter Holz schwer. Mit riesigen zweimännigen Zugsägen und reiner Muskelkraft umgelegt.
16 Männer der Holzkorporation Goldbach mit gefällter Buche, 21. Januar 1918. Foto: Holzkorporation Küsnacht
Was mich in den Quellen besonders fasziniert hat, ist die bürokratische Strenge, mit der selbst der kleinste Abfall reguliert wurde. Ich rede vom sogenannten Leseholz: herabgefallene Äste, Reisig, winzige Zweige, die auf dem Waldboden lagen. Dinge, über die wir heute achtlos hinwegsteigen. Aber damals war das wertvollster Brennstoff, besonders für die Ärmeren, die sich kein massives Stammholz leisten konnten.
Man durfte dieses Abfallholz keineswegs einfach mitnehmen. Man brauchte eine offizielle Erlaubniskarte für einen Franken. Das Sammeln war nur an bestimmten Wochentagen erlaubt. Und die wichtigste Regel: Man durfte absolut keine Werkzeuge mitbringen. Keine Axt, keine Säge, kein Gertel — nichts. Zu gross war die Versuchung, statt morscher Äste einen gesunden Baum umzuschlagen. Die Behörden wollten sicherstellen, dass wirklich nur gesammelt wurde, was der Baum von selbst abgeworfen hatte.
Wer an den falschen Tagen erwischt wurde oder ohne Karte sammelte, zahlte sofort 5 Franken Busse. Beim zweiten Mal 10 Franken und Kartenentzug. Jede Kalorie Energie in diesem Holz wurde minutiös überwacht.
Erlaubniskarte zum Leseholzsammeln, Holzkorporation Küsnacht-Zch. Vorder- und Rückseite
Die grossen Stämme wurden bei regelrechten Versteigerungen verkauft — den sogenannten Ganten. 1939 wurden im Gasthof zum Ochsen in Küsnacht 97 Lose nummerierter, bis zu 30 Meter langer Stämme versteigert. Ein gesellschaftliches Event, aber mit harten wirtschaftlichen Regeln: Skonto für Barzahler, strenge Strafzinsen bei Zahlungsverzug. Der Wald wurde am Wirtshaustisch portioniert und verkauft. Jedes Stück Holz hatte einen genau definierten monetären Wert.
Aufgebot per Postkarte zur Fronarbeit, 18. November 1919. Holzkorporation Küsnacht
Wenn wir uns anschauen, wie der Küsnachter Wald heute bewirtschaftet wird, haben wir es mit einer Kehrtwende zu tun. Statt spontaner Rodungen gibt es Zehn-Jahres-Betriebspläne — der aktuelle läuft von 2019/20 bis 2028/29. Totale Rodungen ganzer Hänge sind gesetzlich streng verboten. Bäume werden nur noch punktuell entnommen, fast ausschliesslich im Winter — wenn die Bäume nicht im Saft stehen und der gefrorene Boden die schweren Maschinen trägt.
Die heutigen Harvester sind tonnenschwere Maschinen. Intuitiv denkt man: Wie soll so ein Stahlkoloss schonender sein als das Rückepferd von früher? Die Antwort: Ein Pferd konzentriert sein ganzes Gewicht auf vier kleine Hufe und stanzt tiefe Löcher in den sensiblen Waldboden. Harvester dagegen verteilen ihr Gewicht auf extrem breite Niederdruckreifen. Zusätzlich legen sie die Äste des frisch gefällten Baumes wie einen dämpfenden Teppich vor sich auf den Boden und fahren darüber.
Der eigentliche Schlüssel aber ist die räumliche Disziplin. Die Maschinen fahren ausschliesslich auf festgelegten Rückegassen — in der Schweiz alle 20 bis 40 Meter, markiert mit den blauen Zeichen, die Sie beim Spazierengehen sehen. Die Harvester dürfen niemals abseits dieser Spuren fahren. Das bedeutet: 85 bis 90 Prozent des Waldbodens werden nie befahren. Diese Flächen können atmen und ihr unterirdisches Myzelnetzwerk ungestört ausbauen.
Und wo früher für jeden Ast ein Ticket gelöst werden musste, ist heute das genaue Gegenteil Pflicht: Pro Hektar müssen mindestens zwei tote Habitatbäume stehen oder liegen bleiben. Was für unser ordnungsliebendes Auge nach Chaos aussieht, ist gesetzlich vorgeschrieben. Totholz ist der Motor der Biodiversität — Lebensraum für Tausende Arten von Pilzen, Käfern und Insekten, Nistplatz für Vögel, Feuchtigkeitsspeicher wie ein Schwamm. In der Naturkrise, in der wir uns befinden, ist dieses vermeintliche Chaos überlebenswichtig.
Harvester im Küsnachter Wald. Foto: Karl Bischofberger
Die Schweiz verbraucht jährlich rund zwölf Millionen Kubikmeter Holz, aber nur neun Millionen wachsen nach. Hochwertiges Küsnachter Bauholz bleibt lokal — es steckt im Gesundheits- und Alterszentrum Tägerhalde und im neuen Feuerwehrgebäude. Energieholz heizt über 200 Wohnungen in der Überbauung Bettlen, alles aus einem Radius von sechs Kilometern — eine CO₂-neutrale Kreislaufwirtschaft. Schwächere Qualitäten dagegen werden am Waldweg in Container verladen und reisen über Basel und Rotterdam bis nach Shanghai, wo China einen enormen Bedarf an Holz aus dem Ausland hat.
Polter: gefällte Stämme bereit für den Abtransport. Foto: Karl Bischofberger
Wenn wir den Bogen spannen, haben wir eine ziemlich ungemütliche Wahrheit aufgedeckt: Der Wald, den wir heute sehen, ist kein unberührter Urwald. Er ist ein menschliches Konstrukt — geformt durch Jahrhunderte von Rodung, Pest, Wiederbewaldung und bewusster Pflege. Er gleicht einem lebendigen Palimpsest: einem Pergament, das Generation um Generation neu beschrieben wurde. Heute gestalten wir dieses Konstrukt aktiv weiter — mit Harvestern, Totholzquoten und Zehn-Jahres-Betriebsplänen.
Aber in seiner langen Geschichte hat der Wald genau dann am meisten profitiert und sich am stärksten ausgebreitet, wenn wir Menschen geschwächt waren. Die Pest, der Rückgang der Zivilisation — das waren, so bitter es klingt, die wirksamsten Forstmanager der Vergangenheit.
Heute setzen wir auf tonnenschwere Harvester mit Spezialreifen, auf gesetzliche Totholzquoten und auf Zehn-Jahres-Betriebspläne, um dieses sensible Ökosystem am Leben zu halten, während das Klima sich rasend wandelt. Wenn wir uns diese eiserne, jahrhundertelange Widerstandskraft ansehen, fragt man sich am Ende: Braucht dieser Organismus uns wirklich als seine achtsamen Beschützer — oder wartet er im Verborgenen einfach geduldig auf unsere nächste grosse Krise?
Ein Gedanke für Ihren nächsten Waldspaziergang.
1. Namensformen. Hans Conrad Gyger (1599–1674); Johannes Wild, Wild-Karte (1852–1865); Hofmann-Panoramen: Standort Nidelbad, Rüschlikon. Küsnacht ohne Doppel-s.
2. Datierung der mittelalterlichen Bevölkerungsexpansion. Die Mediävistik datiert den sogenannten hochmittelalterlichen Landesausbau in der Regel auf das 10. bis 13. Jahrhundert. Die im Vortrag verwendete Zeitspanne «850–1050» wurde für die Blogfassung entsprechend angepasst.
3. Reblaus. Die Reblaus (Daktulosphaira vitifoliae) wurde 1886 erstmals in der Schweiz nachgewiesen. Die Zerstörung des Rebbaus zog sich über die folgenden Jahrzehnte; der Prozess war regional unterschiedlich schnell.
4. Leseholztage. Die Quellen nennen Dienstag, Donnerstag und Samstag als Sammeltage; mindestens eine Erlaubniskarte vermerkt «Mi u. Sa». Der Text formuliert bewusst offen («bestimmte Wochentage»).
5. Rückegassen. Der Abstand von 20–40 Metern folgt der Schweizer Standardliteratur (WSL). Die Küsnachter Quellen bestätigen das Konzept der Rückegassen, geben aber keine exakten Meterangaben.
6. Holzexport. Die Route Basel–Rotterdam–Shanghai und Chinas Holzbedarf sind quellenbelegt. Das in der Branche bekannte Frachtungleichgewicht als Kostenvorteil (leere Container auf dem Rückweg nach Asien) ist in den Küsnachter Quellen nicht dokumentiert und wurde daher nicht ausgeführt.
7. Bildnachweise. Historische Fotografien: Archiv der Holzkorporation Küsnacht. Aktuelle Waldaufnahmen: Karl Bischofberger. Vergleichsfotografien Hofmann-Panoramen: Letsch (2022).